New York Um acht Uhr morgens, kurz vor Thanksgiving, geht es gemächlich zu in der New Yorker WeWork-Zentrale. Der Kaffee wird gerade frisch aufgefüllt, im Wasser für die Bürogemeinschaft schwimmen ein paar Ananasstücke vor sich hin. Ralf Wenzel rollt seinen Handgepäckskoffer an Billardtischen und Pacman-Spielen vorbei in sein gläsernes Büro, es ist seine erste Woche hier.

Nur ein paar Meter weiter hatte einst Adam Neumann seinen Platz, der Mitgründer und langjährige Chef des Bürovermietungs-Start-ups. Im Oktober verließ er die Firma nach einem geplatzten Börsengang. Nun liegt es an Wenzel und einer Handvoll neuer Führungskräfte, das hochdefizitäre Unternehmen gesundzuschrumpfen und bis 2023 profitabel zu machen. Erst vor drei Monaten fing der Berliner bei WeWorks Großinvestor Softbank an.

Er leitete den sogenannten Tech-Hub, eine Art firmeninternen Inkubator, der Geschäftsmodelle von WeWorks Portfoliounternehmen auf andere Märkte bringen soll. Doch WeWorks neuer Chef, Marcelo Claure, holte den Deutschen kurzerhand nach New York, um Softbanks wichtigstes Investment vor der Pleite zu retten.

„Chief Product and Experience Officer“ lautet Wenzels offizieller Titel bei WeWork. Dahinter verbirgt sich eine Fülle von zentralen Aufgaben: Design, Konstruktion und Standardisierung der Bürogebäude etwa. Aber auch die Führung der Technologieabteilung mit ihren rund 1000 Programmierern und überhaupt die Unternehmenskultur.

„Bei mir läuft alles zusammen, was WeWorks operatives Geschäft ausmacht, die Verantwortung für die gesamte Kundenerfahrung“, fasst der 40-Jährige im Gespräch mit dem Handelsblatt zusammen. In seinem Team ist auch WeWorks anderer Mitgründer, Miguel McKelvey, der sich vor allem darum kümmern soll, dass der Gemeinschaftsgedanke in den Vermietungsbüros trotz Sparkurs weiter gepflegt wird.

Nicht bekannt für Sparsamkeit

Seine Tage verbringt Wenzel derzeit noch damit, Mitarbeiter, Prozesse und die WeWork-Büros kennen zu lernen. Viele Details werden sich erst in den kommenden Wochen entscheiden. Doch klar ist schon jetzt, dass WeWork beim Betreiben der Gebäude noch viel stärker auf neue Technologien und zusätzliche Services setzen wird.

„Wir wollen freie Kapazitäten effizienter nutzen, vor allem durch den Einsatz von Algorithmen. So könnten wir freie Flächen zu besseren Konditionen anbieten und zum Beispiel auch einzelne Konferenzräume für einmalige Events vermieten“, sagt Wenzel. WeWork hat dafür von Softbank noch einmal fünf Milliarden Dollar an Krediten bekommen, zudem wird sich der Geldgeber mit 1,5 Milliarden Dollar frischem Kapital an dem Start-up beteiligen und Anteile von Neumann und anderen Mitarbeitern zurückkaufen.

Vergangene Woche kündigte das Start-up an, 2 400 Mitarbeiter weltweit zu entlassen, knapp 20 Prozent der gesamten Belegschaft.

„WeWork hat sehr viel Potenzial, aber es gibt auch noch viele Aspekte, die wir verbessern können“, so Wenzel. Die Firma sei schneller gewachsen als ihre Strukturen und Prozesse. Auch auf der Führungsebene ist WeWork lange nicht für Sparsamkeit bekannt gewesen. Ex-CEO Neumann war berüchtigt für seine üppigen Partys, er leistete sich einen Maybach und ließ den Chauffeur von der Firma bezahlen, ebenso wie den 60 Millionen Dollar teuren Privatjet, der mittlerweile verkauft wurde. Im dritten Quartal meldete WeWork Verluste von 1,3 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Solche Zahlen kontert Wenzel mit Start-up-typischem Optimismus: „Co-Working wird der neue Arbeitsstandard“, sagt der Manager.

Mit den Gepflogenheiten eines schnell wachsenden Start-ups kennt sich Wenzel aus. 2012 gründete er den Lieferdienst Foodpanda, der 2016 vom Konkurrenten Delivery Hero übernommen wurde und ein Jahr später an die Börse ging. „Wir waren in 40 Ländern aktiv und mussten das Unternehmen neu aufstellen und übersichtlicher strukturieren“, gibt er zu bedenken. Auch die vielen Skeptiker habe er nicht vergessen. Das helfe ihm für seine neue Rolle bei WeWork.

Mehr: Gründer Adam Neumann verkaufte mit WeWork einst auch ein Gemeinschaftsgefühl. Inzwischen ist davon nicht mehr viel zu spüren.

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